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Die neue Barftgaans | Feuilleton im Netz – 16. Dezember 2024

Das ganz andere Weihnachtsoratorium
Traditionelles Konzert zum 3. Advent in St. Marien

Musik der Renaissance ist ja immer ein wenig schaumgebremst. Man denkt an Cembalo oder gar Spinett und sieht die höfischen Schreittänze. Kein strahlendes D-Dur. Nirgendwo eine überwältigende Fuge, die Polyphonie auch sehr sparsam. Das sollte eben in der Musikgeschichte noch runde 100 Jahre dauern. Im besten Falle kommt beim Stichwort „Shakespeare“ größere Wallung auf. Und Shakespeare-Zeitgenossen waren sie allesamt, die Komponisten, die Kantor Erik Matz für seine Zusammenstellung bemühte. „Weihnachtsoratorium der Renaissance“ nannte er das Experiment, und der Kantor hatte alle Gründe, sich im Programmheft bei den Akteuren zu bedanken, die sich darauf eingelassen hatten: Die drei Chöre, die vier Instrumentalgruppen, Organist und Rezitator. Die 90 Minuten Konzert waren eine große Leistung, blieben aber Geschmackssache.

Es erklangen 20 Musikstücke von zwölf unterschiedlichen Komponisten, die es in dieser Zusammenstellung noch nicht gegeben hat. Dazu wurden 16 kurze biblische Textpassagen zu Gehör gebracht, denn erzählt wird ja die Weihnachtsgeschichte.

Die St.-Marien-Kantorei Uelzen, das Hugo-Distler-Ensemble Lüneburg und Jugendliche der Singschule an St. Marien sangen in schöner Einigkeit. Das Flötenensemble TriTonus Hamburg, das Heinrich-Rosenmüller-Ensemble und das Streicherensemble um Galina Roreck musizierten auf historischen Instrumenten, die Gruppe „Continuo“ brachte Truhenorgel und Chitarrone in den Klang ein. An der großen Orgel saß Joachim Vogelsänger, die Texte waren bei Gerry Hungbauer in sicheren, sprachkultivierten Stimmbändern. Erik Matz hielt alle Fäden straff zusammen, es gab ganz wenige Unsicherheiten zu Beginn, die schnell eingefangen waren.

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26.11.2019, Nordseezeitung Bremerhaven:

Wenn ein Chor wie ein Glockengeläut klingt

Hohe Gesangskultur: Hugo-Distler-Ensemble aus Lüneburg
gastiert mit Musik zum Totensonntag in der Großen Kirche

Die Männerstimmen beginnen, die Frauenstimmen legen sich darüber: „O sacrum convivum“ (O heiliges Gastmahl) singen sie im schwingenden Rhythmus, bis der Hörer glaubt: Da läuten Glocken. Die A-cappella-Motette des Litauers Vytautas Miskinis erwies sich beim Konzert des Lüneburger Hugo-Distler-Ensembles in der Großen Kirche als Werk von enormem Klangreiz. Eher unbekannte Werke auszuwählen, zahlte sich an diesem Abend vor Totensonntag unbedingt aus.

Zu entdecken war etwa das 1989 vefasste „Prager Te Deum“ des Tschechen Petr Eben. Dafür hatte Chorleiter Erik Matz fünf vorzügliche Instrumentalisten mitgebracht: die Trompeter Rita Arkenau-Sanden und Oliver Christian, die Posaunisten Steffen Happel und Hiroaki Sasaki sowie Schlagzeuger Clemens Bütje. Der Einsatz von Triangel, drei Pauken und Röhrenglocken, die gestopfte Trompete und der mit den ausgefeilten Chorstimmen verwobene, an Janácek erinnernde Bläsersatz machten unerhört Effekt. Dazu brillierte Kantor David Schollmeyer an der Orgel noch mit dem Finale aus Petr Ebens „Sonntagsmusik“ von 1958. Der hochvirtuose Satz im Stil französischer Toccaten versteckt  – an der·Ohren der kommunistischen Kulturfunktionäre vorbei – die katholische Sequenz „Salve Regina“.

Blech und Pauken (samt Truhenorgel) hatten auch zu Beginn des Konzerts Henry Purcells Trauermusik, 1695 zum Begräbnis der englischen Queen Mary II. komponiert, das Geleit gegeben. Hier ließen die 16 Sängerinnen und 12 Sänger bei aller Kunstfertigkeit noch ein paar Eintrübungen erkennen. Denn so fein abgestimmt sich die klagenden Halbtonschritte in die Höhe schraubten: Mancher Sopraneinsatz wirkte recht angestrengt, und vom Text verstand man wenig. Auch Johann Sebastian Bachs doppelchöriger Motette „Komm, Jesu, komm“ BWV 229 fehlte – ohne stützende Continuo-Begleitung – die letzte Geschmeidigkeit und lntonationssicherheit.

Um so stimmungsvoller die Beiträge der Romantik: das „Requiem“ von Peter Comelius und die 16-stimmige Fassung von Gustav Mahlers Lied „Ich bin der Welt abbänden gekommen“. Mit dem „Rausschmeißer“ wuchs die Begeisterung der kleinen Hörerschar noch mehr: Sie durfte in Colin Mawbys pompöse Version des Liedes „Großer Gott. wir loben dich“ kraftvoll einstimmen.

(Sebastian Loskant, Nordseezeitung, Bremerhaven)

Weitere Presseveröffentlichungen und Konzert-Kritiken ...

cth2551Hugo Distler (1908-1942) – Chorwerke
CD Thorofon (CTH 2551)

5. Oktober 2009 – CHOR und KONZERT (Heft 3/2009)

Die tragende Akustik der Lüneburger St.-Nicolai-Kirche bietet einen geeigneten Rahmen für die kirchenmusikalischen Kompositionen von Hugo Distler - bis auf op. 2 - aus dessen Lübecker Schaffenszeit. Der Raumklang vermag der rhythmischen Raffinesse dieser Werke die Schärfe zu nehmen und stellt sie gleichberechtigt neben die oft extremen melismatischen und harmonischen Ausreizungen des Textes. Eine große Vertrautheit des Chores im Umgang mit dem Werk seines Namensgebers bestätigt der erste Höreindruck sofort. Durch die Fähigkeit der selbstbewussten Führung aller einzelnen Stimmen wie auch deren Ausgewogenheit wird das Hören der Aufnahme zur Freude. Die durchgängige satte Klangtiefe des Chores bildet ein schönes Fundament, über dem sich die hohen Stimmen klangvoll entfalten können und den virtuosen Charakter der meisten Werke dadurch besonders fördern. Die enorme Bedeutung dieses Erneuerers der deutschen Kirchemnmusik hebt diese Aufnahme eindrucksvoll hervor.


19. September 2008 – Prof. Volker Hempfling

Die im Juni 2008 bei Thorofon (Bella Musica) erschienene CD „Hugo Distler – Chorwerke“ (CTH 2551), enthält überwiegend Ersteinspielungen. So ist es ein großes Verdienst des Hugo-Distler-Ensembles Lüneburg und seines Leiters Erik Matz, hier eine seit langem bestehende Lücke geschlossen zu haben.

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